Bei der vierten Tour der Energien, die das Klimaschutzteam des Landkreises Gießen veranstaltet, konnten rund 30 Teilnehmende erleben, wie sich die Energiegewinnung im Landkreis im Wandel der Zeit verändert hat.
Gestartet wurde an der Grüninger Warte; ein Turm einer im 18. Jahrhundert modernen Windmühle. Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Laubach ließ diese nach holländischem Vorbild erbauen, obwohl im Landkreis Gießen eigentlich rund 130 Wassermühlen das Geschäft dominierten. Genaueres dazu konnten die Teilnehmenden mittels einer geführten Augmented Reality (AR)-Tour vor Ort auf ihren eigenen Handys und Tablets erfahren, die von Arrion entwickelt wurde. Durch diese Technologie kann man live von dem Grafen begrüßt werden und die Grüninger Warte so sehen, wie sie damals wohl aussah. Dieses Angebot steht weiterhin zum Selbernutzen zur Verfügung; die Anleitung dafür, sowie weitere Infomaterialen der bestehenden Tour der Energien, finden Sie auf giessener-land.gim.guide.
Weiter führte die Tour vorbei an ehemaligen Standorten von Wassermühlen an der Wetter, wovon die Berger Mühle kurz vor Muschenheim eine der wenigen ist, die sich heute noch drehen. Einst war in fast jedem Dorf entlang des Flusses eine Mühle zu finden. Obwohl nicht viel Energie zur Verfügung stand, waren die Mühlen sehr bedeutsam: Ohne Mehl kein Brot! Heute mag uns die Leistung dieser „Kraftwerke“ gering erscheinen. Doch damals waren die unermüdlichen und unerschöpflichen 15-30 PS (10-20 kW), ein Vielfaches dessen, was man mit Menschen oder auch Tieren schaffen konnte.
Der nächste Halt führte zu Braunkohlegruben bei Hungen; der Sachsensee in Bellersheim, sowie der Trais-Horloffer See, sind zwei der Seen, die noch geblieben sind vom Großprojekt ‚Energie für Frankfurt und das Umland`. Die Braunkohle wurde hier bereits seit 1800 in kleinen Mengen von Hand aus dem Boden geholt. Ab 1927 wurde das Geschäft dann industrialisiert; riesige Bagger und Förderbänder beherrschten hier bald das Landschaftsbild. Da Braunkohle einen kaum besseren Brennwert als nasses Holz hat, lieferte das erste Kraftwerk hier nur 2,6 Megawatt – damals viel Strom, heute die halbe Leistung einer modernen Windkraftanlage. Bis 1962 wurde das Kraftwerk nach und nach auf 58 MW Leistung erweitert. Nach nur 30 Jahren war der letzte Tagebau bei Dorn-Assenheim „ausgekohlt“. In Summe wurden 1250 Hektar Landschaft tiefgründig umgegraben, Bagger, Absetzer, Bandanlagen, Gleise, Bahnen und Hilfsgeräte aus vielen tausend Tonnen Stahl konstruiert und zigtausend Tonnen Beton und Gestein für Kraftwerk und Hilfsgebäude verbaut. Der Stromertrag von 25 Milliarden Kilowattstunden (25 TWh) über die gesamte Betriebszeit klingt beeindruckend. Interessanterweise hätte man die gleiche Energiemenge aber in 40 Jahren auch aus Photovoltaik auf der gleichen Fläche gewinnen können.
Und so führte die letzte Station zum Solarpark in Trais-Horloff. Auf der ehemaligen Abraumhalde der Braunkohleförderung wird nun seit 2009 wieder Strom erzeugt, und das ohne die schädlichen Abgase der Braunkohle. Thomas Weichmann von den Stadtwerken Hungen gab den Teilnehmenden eine Führung durch den Solarpark und spannende Einblicke in die Entstehung dieses. Der Solarpark ist der älteste im Landkreis Gießen und war bei seiner Errichtung auch einer der größten in Hessen. Die Anlage hat mittlerweile etwa 16 Mio. Euro Einnahmen gebracht, die dem kommunalen Haushalt zu Gute kommen. Außerdem wurde im Vergleich zur Energiegewinnung aus Braunkohle rund 50.000 Tonnen CO2 eingespart. Passend zur Schäferstadt Hungen, wird das Grundstück von den Schafen des Stadtschäfers beweidet.
Rütger Rollenbeck vom Klimaschutzteam des Landkreises hat schließlich den wirtschaftlichen Aspekt von Photovoltaik-Anlagen für die Region betont: „Allein in den letzten drei Jahren hat sich die installierte Leistung im Landkreis Gießen fast verdreifacht. Das Potenzial ist aber längst noch nicht ausgeschöpft und wir sollten es nutzen, denn Photovoltaik ist die umweltfreundlichste und langfristig die ökonomisch beste Art, Strom zu erzeugen.“
Infos zu den vorangegangen Touren der Energie finden sich hier im Magazin wie unter giessener-land.gim.guide.


